Sonntag, 28. Dezember 2008

Neue Nachricht aus dem Dschungel

Die kalten Tage sind vorbei. Der Winter hat sich verabschiedet, es regnet jetzt häufiger und die Tage werden länger und wärmer. Dem Sommer sehe ich teils gespannt, teils mit Schrecken entgegen. Es soll sehr, sehr warm werden. Sogar Immanuel, unser Priester aus Nigeria, erzählt mit Grauen von der paraguayschen Hitze, der hohen Luftfeuchtigkeit und den Unmengen von Moskitos.

Der Winter war für mich äußerst angenehm: Es regnete einmal die Woche (oder weniger), die Temperaturen lagen meist um 20 °C und in Deutschland hätte man an vielen Tagen von ausgezeichnetem Grillwetter gesprochen. Nur manchmal – besonders an Regentagen und dann gegen Abend – wurde es tatsächlich kühl: Temperaturen bis 7Grad und ein unangenehmer Wind. Da die Häuser hier zwar alle Ventilatoren, aber weder Heizungen haben, noch besonders isoliert sind, muss man sich an solchen Tagen warm einpacken – auch drinnen. So saßen wir schon den einen oder anderen Abend wie Skifahrer verkleidet, in dicke Daunenjacken, Mäntel, Schals und Mützen gehüllt, erst am Abendbrottisch und dann vorm Fernseher, haben die Nachrichten verfolgt und den heißen Mate(-Tee) getrunken.

Übrigens eine paraguayische Spezialität und wichtiges Kulturgut: Mate trinken. Mate ist ein Aufguss aus heißem Wasser und getrockneten Blättern eines südamerikanischen Ilexbaumes (dem Ilex paraguariensis). Die getrockneten Blätter werden “yerba mate” (zu Deutsch: Mate Kraut) oder einfach nur “yerba” genannt. Man trinkt den Aufguss durch einen Metallstrohhalm (“Bombilla”) aus einem Gefäß aus Holz oder Tierhorn (“Guampa”). Anscheinend trinken alle Paraguayaner, unabhängig von ihrer Bildungs- und Einkommensschicht, Mate: Busfahrer und Nachrichtensprecher haben ihren Mate und eine Thermoskanne mit heißem Wasser vor sich stehen. Der neue Staatspräsident Fernando Lugo trinkt seinen Mate in Besprechungen und auf offiziellen Empfängen und auch diejenigen, die all ihr Hab und Gut in Plastikbeuteln mit sich tragen, besitzen meistens eine alte Thermoskanne sowie Guampa und Bombilla.

Seit ein paar Wochen übernehme ich immer wieder Einkäufe für das Seminar. Mit unserem knallroten Lastenfahrrad (Gepäckträger vorne und hinten) fahre ich auf den Mercado Abasto, um die notwendigen Besorgungen zu erledigen und mittwochs nach der Messe die Obst- und Gemüsekisten zu transportieren. Denn jeden Mittwochmorgen ist Messe in der Kapelle auf dem Markt und die Händler geben, anstatt Geld in den Klingelbeutel, oftmals Naturalien. Hier in Paraguay wird mit der Kollekte der Priester bezahlt und die Kirche (bzw. Kapelle) instand gehalten.

Wenn ich mit dem Fahrrad über den Marktplatz fahre, rufen mir die Kinder immer „Quadros Ojos“ (Vier Augen) oder „Harry Potter“ hinterher. Es gibt hier nur wenige Brillenträger und außer mir haben nur wenige zwei „Ojos“ (Augen) und zwei „Anteojos“ (Brille, bzw. wörtlich: Voraugen). Wir begrüßen uns, indem wir erst mit der Hand „einschlagen“ und danach Faust gegen Faust boxen, das ist unter der „Marktjugend“ so üblich. Wenn die Kinder und ich Zeit haben, drehen sie mit dem roten Fahrrad einige Runden über den Markt. Es passen
maximal zwei „halbe Portionen“ zusätzlich aufs Fahrrad und beim Aufsteigen gibt es hin und wieder ein wenig Gerangel um die Plätze. Die „Warteschlange“ ist eine gute Möglichkeit sich mit den Kindern zu unterhalten.

Dort habe ich auch Oskar und seiner kleinen Schwester Ada kennen gelernt. Wie viele andere verkaufen sie Linsen, die ihre Mutter vom Großhändler auf dem Markt kauft und in handliche Plastiksäckchen verpackt, an Kunden, die im Auto über den Markt
fahren und sich ihre Einkäufe durchs Fenster reichen lassen (fast wie bei McDrive).

Oskar ist ungefähr 17, mit Ada – 11 Jahre – und seiner Mutter kommt er jeden Tag von ca. 8 bis 8, morgens bis abends auf den Markt. Er ist etwas kleiner als ich (1,70 m), eher breitschultrig und kräftig und trägt schon einen Bart. Sein Gesicht ist rundlich und freundlich und er macht den Eindruck, dass er für seine Schwester, die ihm nur selten von der Seite weicht, alles tun würde.
Ada lädt mich auf eine Orange ein, die sie von einem Händler als Dankeschön bekommen hat, nachdem sie ihm beim Verladen einiger Kisten geholfen hat. Danach macht sie sich abwechselnd mit dem kleinen Pedro, er verkauft noch nichts, aber seine Mutter nimmt ihn mit auf dem Markt, einen Spaß daraus, meine klebrigen Finger so fest wie möglich zusammenzudrücken und ihnen dann dabei zuzusehen, wie sie sich langsam wieder voneinander lösen. Wir reden ein wenig über unsere Familien. Wo ihr Vater ist, weiss Ada nicht. Dann fragt sie mich, ob ich Angst vor meiner Mutter hätte. Etwas verwirrt über die ungewöhnliche Frage, antworte ich mit nein, frage zurück und auch warum. Sie schreie oft und schlage sie auch manchmal, erzählt mir Ada.

Dann setzt sich Oskar in der „Warteschlange“ durch. Er will seine Schwester auf ihren Wunsch hin eine Runde spazieren fahren. Das respektieren die anderen Kinder sofort, denn Oskar ist mindestens 4 Jahre älter als sie. Aber als er dann sitzt tut er sich schwer, das Fahrrad mit seiner Schwester ins Rollen zu bringen. Einen Moment lang scheint er unsicher, dann „überredet“ er einen anderen Jungen dazu, ihm einen Schubs zu geben. Man sieht, dass er in seinem Leben noch nicht oft Fahrrad gefahren ist. Als die beiden nach einigen Minuten von ihrer Sparzierfahrt zurückkommen, winkt ihnen ein Junge aufgeregt zu. Ihre Mutter sucht nach ihnen. Sie

verabschieden sich rasch und verschwinden im Treiben des Marktes.

Einen anderen Tag habe ich auf dem Markt eine Kiste Tomaten, einen Sack Zwiebeln und einen 5 Liter Kanister Bodenputzmittel gekauft. Das alles natürlich auf den roten Flitzer, die Tomaten vorne, die Zwiebeln hinten und das “Lavandina” (Waschmittel) im Rucksack, auf den Weg zum Seminar. Auf halber Strecke merke ich, dass mir irgendwas auf die Waden tropft. Als ich anhalte, um nachzuschauen, entdeckte ich, dass im Rucksack der Putzmittel-Kanister leckt. Also habe ich ihn in die Hand genommen.

Aber es war schon zu spät. Denn während ich mich wieder auf den Weg machte, merkte ich, wie eine Stelle am Übergang zwischen Rücken und Po anfing zu scheuern und zu brennen: Im Rucksack stand das Lavandina und mein T-Shirt und meine Hose waren auf der Rückseite damit getränkt.
Es brannte immer heftiger und zu Hause angekommen, tat besagte Stelle bereits ganz schön weh. Als ich schließlich mit dem schwer beladenen Fahrrad und mit schmerzverzerrtem Gesicht zur Tür hereinkam entdeckten mich Immanuel, der Priester, und Loli, unsere Köchin. Auf ihre Frage, was los sei, antwortete ich, während ich hastig die Sachen abstellte, in kurz angebundenem Englisch: “The tap of the Lavandina lacks. My ass burns like hell!” (“Der Deckel vom Lavandina ist undicht. Mein Hintern brennt sehr doll!”). Dabei zeigte ich auf die Stelle am unteren Rückenende. Auf meinem Weg zur Dusche hörte ich, wie Immanuel unter lautem Lachen versuchte, Loli zu erklären, was los sei.

Die Dusche half: Das schlimmste Brennen verging. Doch meinen Hintern zierte ein roter Fleck, der sich später wie ein Sonnenbrand gepellt hat. Außerdem hat zwischen Hose und Unterhose ein reger Farbaustausch stattgefunden, der auch mit viel Waschpulver und gutem Willen
nicht mehr rückgängig zu machen war. Die Hose ziert also ein schwer zu übersehender Fleck, während die Unterhose seltsam bleich wirkt.

So vergehen meine Tage wie im Fluge und ich bereite mich auf meine ersten „Sommer“-Weihnachten in dieser für mich noch kleinen Welt in der großen Stadt vor.
Ein gesegnetes Weihnachtsfest aus dem Dschungel wünscht
Jan

Kommentare:

Anonym hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Anonym hat gesagt…

Lieber Jan,
das hoert sich ja ganz grossartig an. Und die Fotos sind auch echt klasse, jetzt kann man sich das alles auch mal vorstellen.

Monika

Elisabeth hat gesagt…

Hallo du!
hab zwar noch nichts gelesen was du so reingestellt hast, hab leider keine Zeit dazu aber ich wollt dir mal schnell nen kleinen Gruss hinterlassen!!
Vermisse unsere tolle Zeit in Porto Alegre... war ganz genial!
Machs ganz gut, Gottes segen uns pass auf dich auf! Eli